Erster Zertifikatslehrgang bei der Lebenshilfe Gießen startet
„Endlich etwas in der Hand“
Gießen/Pohlheim - Für Teilnehmer Piotr D. ist es ein lang ersehnter Schritt: „Ich versuche seit 20 Jahren einen Platz auf dem Ersten Arbeitsmarkt zu bekommen. Zwei Ausbildungen musste ich abbrechen. Mit einem Zertifikat hätte ich endlich etwas in der Hand.“ Gemeinsam mit fünf weiteren Teilnehmenden beginnt er bei der Lebenshilfe Gießen nun den neuen Zertifikatslehrgang „Assistentin / Assistent Gastgewerbe“. Auch Laura S. – die Namensnennung der Teilnehmenden erfolgt auf eigenen Wunsch in gekürzter Form – blickt motiviert auf das kommende Jahr: „Mein Ziel ist es, dranzubleiben. Ich hoffe, dass ich danach ein Praktikum in einem Betrieb machen kann.“ Ihre Aussagen machen deutlich, worum es bei dem neuen Angebot geht: um Perspektiven, Anerkennung und konkrete Entwicklungsmöglichkeiten.
Mit dem Lehrgang startet im Bereich Arbeit und Bildung der Lebenshilfe Gießen erstmals ein einjähriges Qualifizierungsangebot mit Abschlusstest. Sechs Teilnehmende aus unterschiedlichen Arbeitsgruppen haben nun ihre Verträge und erste Unterlagen erhalten. Vorstand Dirk Oßwald wünscht viel Erfolg und ordnet den Auftakt als wichtigen Meilenstein ein: „Wir freuen uns sehr, diesen Zertifikatslehrgang – den ersten in der Lebenshilfe Gießen überhaupt – jetzt anbieten zu können. Das Thema Gastgewerbe ist eine sehr gute Gelegenheit, sich zu qualifizieren, weiterzuentwickeln und beruflich eine Stufe weiterzukommen.“
Der Lehrgang richtet sich an Mitarbeitende aus den Küchen- und Hauswirtschaftsgruppen der Werkstätten, an betriebsintegrierte Beschäftigte sowie in Ausnahmefällen an Teilnehmende des Berufsbildungsbereichs. Über ein Jahr hinweg treffen sich die Teilnehmenden alle zwei Wochen zu sechs Schulstunden. Ergänzend üben sie die Lerninhalte direkt an ihren Arbeitsplätzen, begleitet von ihren Gruppenleitungen. Am Ende steht ein Abschlusstest. Vermittelt werden allgemeine Themen wie Arbeitssicherheit und Hygiene ebenso wie Fachwissen aus Küche und Hauswirtschaft – darunter Lebensmittelkunde, Zubereitung von Speisen, Reinigung und Wäschepflege. Die Lernformen sind vielfältig: Unterricht in der Gruppe, digitale Einheiten am PC sowie praktisches Lernen im Arbeitsalltag.
Geleitet wird der Kurs von Bildungsbegleiter Stephan Nicklas und Andreas Seeber, geprüfte Fachkraft zur Arbeits- und Berufsförderung sowie Gruppenleiter bei den LiLo-Küchenbetrieben. „Mir macht es riesig Spaß, den Leuten etwas beizubringen. Ich freue mich auf den ersten theoretischen Tag am 5. Februar. Auch für uns ist dieser Lehrgang Neuland“, betont Seeber. Jörg Langschied, Bereichsleiter Arbeit und Bildung, verdeutlicht, dass der neue Lehrgang ein lang vorbereiteter Schritt ist. Ein Angebot mit Abschlusszertifikat sei bereits seit rund zehn Jahren in Planung gewesen. Den Teilnehmenden wünschte er neben Durchhaltevermögen auch Freude am Lernen: „Spaß an der Sache, das ist genauso wichtig.“
Konzipiert ist der Lehrgang im Rahmen des bundesweiten Netzwerks Zertifikatslehrgänge (netZ), das von der Lebenshilfe Bamberg gegründet wurde. Mittlerweile rund 100 Werkstätten arbeiten darin zusammen, um hochwertige Bildungsangebote für Menschen mit Beeinträchtigungen zu entwickeln. Das Netzwerk wurde 2024 mit dem excellent-Preis der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) ausgezeichnet. Auch die Lebenshilfe Gießen ist Teil dieser Kooperation.
Das Interesse an dem neuen Angebot ist groß: Ein weiterer Kurs steht bereits in den Startlöchern. Darüber hinaus arbeitet die Lebenshilfe Gießen mit Hochdruck daran, bald weitere Gewerke aufzunehmen, damit die Lehrgänge für möglichst viele Teilnehmende zur Erfolgsgeschichte werden können.
