In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?
Michaelas Geschichte
Michaela ist voller Lebensfreude. Trotzdem hat sie es nicht leicht. Für die junge Frau mit Autismus ist der Alltag oft eine Herausforderung. Das Umfeld spricht eine „andere Sprache“ als sie. Zwei Dinge macht Michaela besonders gern. Sie covert alte ABBA-Hits und legt gern Wäsche zusammen. Hier ist Michaela sehr genau, Kante auf Kante. Manchmal ärgern sich andere über sie, weil sie, wenn sie zum Essen eingeladen ist, die Servietten auf dem Tisch neu ordnet. Michaela meint das aber nicht böse. Sie will niemanden vor den Kopf stoßen. Nur die unordentliche Anordnung der Servietten „sticht“ ihr ins Auge. Das kann für sie so nicht bleiben.
Wenn Michaela zu Hause bügelt, tut ihr das gut. Sie bügelt ihre Kleidung jeden Tag, weil es ihr Freude macht und sie beruhigt. Manche finden Michaela „schwierig“. Verhaltensweisen, die ihrem Autismus geschuldet sind, werden als „Marotten“ missverstanden.
Auf dem ersten Arbeitsmarkt hatte Michaela keine Chance. Zunächst war sie arbeitslos. Dann aber findet sie mithilfe des Fachdienstes für Inklusion eine Anstellung in einer Wäscherei der Lebenshilfe.
Hier wird der Arbeitsplatz auf Michaela zugeschnitten. Bügeln und Wäsche zusammenlegen gehören zu ihren festen Aufgaben. Alles ist klar festgelegt: die Arbeitszeiten, die Pausen, der Auftrag, die Ziele und die Einbindung ins Team. Es gibt klare Erwartungen an Michaela. Sie wird gefordert, ohne dass ihre Grenzen überschritten werden. Michaela darf sich zwischen den Arbeitsphasen in einem Pausenraum des Betriebs ausruhen. Besondere „Angewohnheiten“ sind dem Team bekannt und werden richtig eingeordnet. Michaela wird von niemandem belächelt. Infolgedessen fühlt sie sich sicher, kann sich entspannen und wird in einem Nebeneffekt tatsächlich weniger „auffällig“.
Das Team mag Michaela gern. Ihr fröhliches Lächeln und das spontane Anstimmen von „Mamma Mia“ kommt gut an. Das macht eine schöne Stimmung. Beim Bügeln und Zusammenlegen der Wäsche ist Michaela gründlich und akkurat. Das Hotel, das von dieser Wäscherei beliefert wird, ist immer sehr zufrieden.
Respekt und ein freundlicher Umgang stehen in dieser Wäscherei an erster Stelle. Für Michaela ist das eine neue Erfahrung. Hier fühlt sie sich nicht wie eine Person, die „anders“ ist. Hier darf sie sie selbst sein.
Angehörige stellen fest, dass Michaela jetzt ausgeglichener und fröhlicher ist. Es gibt zwar auch andere Tage, aber diese fallen nicht mehr so stark ins Gewicht wie früher.
Michaela ist aufgeblüht. Ihre „seltsame Vorliebe“, Wäsche zusammenzulegen, ist nun ein wertvoller Dienst für die Allgemeinheit. Das, was sie tut, hat einen Sinn.
Michaelas Mutter betritt einen Friseursalon. Während des Haareschneidens plaudert sie mit der Friseurin. Diese erklärt ganz nebenbei: „Das ist echt ein Luxus, was unsere Gesellschaft sich da leistet. Aber da wird bei uns bald ein anderer Wind wehen. Unglaublich, wer bei uns alles arbeiten darf. Aber wissen Sie was, wir können nicht jeden retten.“
Michaelas Mutter stellt die Kaffeetasse vor dem Spiegel ab. Sie schweigt. Die eben gehörten Worte treffen direkt ins Herz. Während Michaelas Arbeitslosigkeit hat sie oft wachgelegen und gegrübelt: Was wird Michaela werden? Wird sie anerkannt werden? Wird jemand ihre Stärken und ihr einzigartiges Wesen sehen?
Auch wenn es mal Herausforderungen und Konflikte gibt, macht der Arbeitsplatz in der Lebenshilfe-Wäscherei für Michaela und ihre Angehörigen einen Unterschied.
Die Friseurin holt den Föhn und redet weiter: „Wir müssen unsere Produktivität steigern, und da kommt halt nicht jeder mit. Das ist doch überall so. Wir haben einen großen Idealismus hier in Deutschland. Alles muss individuell sein. Aber jetzt werden die öffentlichen Gelder woanders gebraucht. Da können wir uns nicht mehr leisten, jeden mitzunehmen.“
Michaelas Mutter ist wie erstarrt. Ihre Tochter hat ein großes Herz und ein wunderbares Lachen. Sie ist ein besonderer Mensch und sie ist gut, so wie sie ist. Warum sollen Menschen keinen Platz in unserer Gesellschaft finden, nur weil sie nicht ins Bild passen? Wer Michaela richtig kennenlernt, findet gar nichts „falsch“ an ihr.
Wie würde es Michaela gehen, wenn sie mit ihren derzeitigen Möglichkeiten und Fähigkeiten in einer Einrichtung wäre, in der sie zwar versorgt, aber nicht eingesetzt und gebraucht wird? Oder an einem Ort, an dem sie sich ständig rechtfertigen muss? Neben ihrer Tochter kennt Michaelas Mutter noch viele andere Menschen, denen es genauso geht.
„Danke für den Haarschnitt“, brummt die Mutter und legt ihre EC-Karte aufs Gerät. Wortlos geht sie davon.
„In was für einer Gesellschaft wollen wir leben?“, fragt Aktion Mensch.
In einer Gesellschaft, in der nur Menschen einen Platz haben, die einer festen Norm entsprechen? Sehen wir den Unterschied, den das für viele Menschen und Personengruppen machen würde? Sehen wir das Leid, das dies über Menschen und ihre Familien bringen würde?
Auf wen müssten wir in unserem Umfeld verzichten? Welche Fähigkeiten und Dienste gingen uns verloren?
Und nicht zuletzt die Frage: Was wird das aus uns selbst? Wohin mit den eigenen Schwächen und Begrenzungen? Und was, wenn wir oder Angehörige einen Unfall erleiden und plötzlich selbst mit einer Behinderung leben müssen?
Teilhabe ist im Übrigen in der UN-Behindertenrechtskonvention als Menschenrecht verankert.
Ich wünsche es niemandem, aber jedem kann es passieren. Nicht nur uns, sondern auch denen, die behaupten, es sei besser, Menschen mit Behinderung nicht einzubinden.
Die öffentliche Meinung, die sich beispielsweise in harmlosen Small-Talk-Gesprächen zeigt, hat großen Einfluss darauf, wie es mit unserer Gesellschaft weitergeht. Es ist die Meinung von vielen. Dazu gehören nicht nur dominante Vertreter einer bestimmten Ansicht, sondern vor allem Menschen, die unsicher sind. Sie machen sich Sorgen und suchen Orientierung. Die Finanz- und Klimakrise und die Bedrohung des Friedens in Europa werfen Fragen auf.
Einfache Antworten oder ein „Das können wir uns eben nicht alles leisten“ sowie das Diskreditieren von Inklusion als „Idealismus“ können da attraktiv erscheinen.
Doch was wir heute denken und sagen, prägt die Welt von morgen.
Ich habe mir eine Friseurin gesucht, deren Sohn ein ehemaliger Schüler an der Sophie-Scholl-Schule von mir ist: Ein junger Mann mit Autismus, der einen Reha-Arbeitsplatz in einem Supermarkt hat und glücklich damit ist. Bei dieser Friseurin kann ich mich beim Haareschneiden entspannen, weil sie nicht „nebenbei“ über Inklusion wettert. Trotzdem höre ich gewisse Ansichten oft: in Bus und Bahn, in der Nachbarschaft, im Urlaub und manchmal sogar in christlichen Gemeinden.
Wenn wir mit Menschen ins Gespräch kommen, werden hoffentlich auch wieder andere Stimmen laut. Stimmen, die von Inklusion überzeugt sind – nicht schwärmerisch, sondern mit guten, realistischen Argumenten. In solchen herausfordernden Gesprächssituationen hilft es mir, Menschen wie Michaela vor Augen zu haben. Menschen mit Behinderung verdienen Unterstützung und passende Rahmenbedingungen. Ihre Arbeit ist wichtig und ihre Anwesenheit bereichert uns. Die Eingliederung verändert Leben.
Mit den Normalos spreche ich:
Inklusion ist kein Luxus.
Inklusion ist ein Menschenrecht.
Ulrike Bauspieß
(Lehrerin, Sophie-Scholl-Schule Gießen)
